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Berghütte

An die Stille musste ich mich erst gewöhnen. Keine Vögel, keine Autos, keine Nachbarn, keine Kinder. Bei Windstille gab es auf und in der Hütte nichts zu hören. Gar nichts. Gelegentlich surrte eine Fliege oder – etwas größer aber nicht lauter – ein Flugzeug über meinem Kopf.

Die Berghütte (Matratzenlager, Holzofen, Wasser, Plumpsklo) steht auf 2000 Metern Höhe und ist nur zu Fuß zu erreichen. Mein Handy ist ausgeschaltet, die Uhr abgelegt – ich bin nicht erreichbar, will keine Musik hören, will nicht reden. Ich will schauen, denken, lesen, schlafen und meinen Kopf auslüften. Ein bisschen Zivilisationsflucht.

Ungewöhnliche Uhrzeiten

Zu ungewöhnlichen Uhrzeiten so hoch in den Bergen zu sein, war eine neue Erfahrung. Frühstück mit Blick auf den Dachstein fast auf Augenhöhe, oder der Sonnenuntergang ohne Zeitdruck und dem Gefühl “Ich-muss-noch-Absteigen!” – das hat eine unbeschreiblich schöne Ruhe.

An meinem ersten Abend konnte ich zuschauen, wie dunkle Wolken und ihre Blitze näher kamen. Zuerst im Osten leuchtete die Bergkette in unregelmäßigen Abständen auf, dabei konnte man sehen, wo es schon regnete. Wie ein grau-verschmierter Fleck auf Glas. Dann donnerte es hinter mir und auch auf die Bergkette gegenüber gingen Blitze nieder. Als ich die ersten Tropfen spürte, ging ich in die Hütte.

Stille Nacht und überraschender Morgen

Die Dämmerung und die Nacht sind mitunter ein bisschen schaurig ganz allein auf einer Hütte. So ehrlich kann ich sein. Damit die Nacht erholsam wird, muss man die Hütte kennenlernen. Ich war froh, das einzig wiederkehrende Geräusch der Nacht dem kleinen Blechtürmchen am Rauchfang zuordnen zu können. Vom Gewitter habe ich wenig bemerkt. Aufgewacht aus meiner ersten Nacht bin ich durch lauten Husten. Es war aber nicht mein Husten. Vor meinem Fenster hatten Wanderer Pause gemacht. Und es würden noch mehr Wanderer vorbeikommen, die sich auf dem Weg zum Gipfel rund um meine Hütte stärkten. So einsam war meine Fortress of Solitude also gar nicht. Zumindest an den Vormittagen.

Die Nachmittage und Abende waren herrlich ruhig. Dem Sonnenuntergang zuschauen, ins Tal schauen, auf die Berge schauen, ins Narrenkastl schauen. In der Dämmerung gehen die Lichter der Orte im Tal an und die Autos sind kleine, sich bewegende Punkte. Die Wolken sind nahe und die umliegenden Berge so mächtig, dass man sich unbedeutend fühlt. Der Blick ins Narrenkastl wird im Alltag immer von außen unterbrochen und beendet, indem mich jemand anspricht, eine SMS-Nachricht oder der Bus kommt. Narrenkastl-Gedanken fertig und weiterdenken, das war neu und sozusagen Meditation-Light.

Proviant und Essens-Situation

Was die Verpflegung betrifft, war ich ausreichend ausgestattet. Während des Aufstiegs habe ich den Rucksack verflucht, um mich dann vier Tage lang über seinen Inhalt zu freuen. Die Zubereitung meines Proviants am Holzofen ließ mich an meinen urmenschlichen Fähigkeiten zweifeln, als ich mehrfach daran scheiterte, Feuer zu machen. Zwischendurch musste ich die Hütte wegen akuter Selchgefahr sogar Not-Lüften. Wie erstaunlich lange es dauerte, auf lodernden Flammen Nudeln zu kochen, war dann die nächste Überraschung. Merke: Ein Holzofen ist kein Induktionsherd.

Fazit

Fünf Tage und vier Nächte hat mein Selbstversuch der Abgeschiedenheit gedauert. Mein Fazit fällt durchwegs positiv aus, denn das ruhige Platzerl, das ich gesucht und gewollt hatte, habe ich genau so bekommen. Es ist nicht fad, ein paar Tage auf sich allein gestellt und mit sich allein zu sein. Mehrere Wochen lang würde ich mir diesen Zustand nicht wünschen, aber als Tapetenwechsel zwischendurch ist es sehr zu empfehlen. An die Stille gewöhnt man sich in vier Tagen kaum, die war bis zum Schluss ungewöhnlich und besonders.

Berghütte Frühstück